AleaSoft Energy Forecasting, 30. März 2026. Interview von Ramón Roca, Chefredakteur von „El Periódico de la Energía“, mit Antonio Delgado Rigal, Doktor der Künstlichen Intelligenz, Gründer und CEO von AleaSoft Energy Forecasting.
In den letzten Wochen sind die Gas- und Strompreise auf den europäischen Märkten aufgrund der Spannungen im Nahen Osten erneut gestiegen. Inwieweit werden solche geopolitischen Faktoren die Entwicklung der Energiepreise in den kommenden Jahren weiterhin beeinflussen?
Geopolitische Faktoren werden weiterhin eine wichtige Rolle bei der Preisbildung spielen, insbesondere durch Erdgas und CO2, die auf vielen europäischen Strommärkten weiterhin den Grenzkostenpreis zu vielen Tageszeiten bestimmen. Ereignisse wie Spannungen im Nahen Osten, Risiken für wichtige Infrastrukturen oder Störungen bei der Gas- und Ölversorgung haben unmittelbare Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte.
Man muss dies jedoch im Kontext betrachten: Volatilität ist nichts Neues, sie war auf den Strommärkten schon immer vorhanden. Was sich jedoch geändert hat, ist die Empfindlichkeit des Systems, das nun zu bestimmten Zeitpunkten stärker von externen Faktoren abhängig ist.
Mittel- und langfristig werden diese Ereignisse zwar weiterhin Preisspitzen auslösen, doch werden sie gegenüber strukturellen Faktoren an Bedeutung verlieren. In diesem Sinne wird der Fortschritt hin zu einer größeren Energieunabhängigkeit in Europa, die auf einheimischen erneuerbaren Energien und Elektrifizierung basiert, dazu beitragen, die Anfälligkeit gegenüber externen Schocks zu verringern und die Stabilität des Systems in Zukunft zu verbessern.
Abgesehen vom aktuellen geopolitischen Kontext: Welche wesentlichen strukturellen Faktoren werden die Entwicklung der europäischen Strommärkte bis 2026 sowie mittel- und langfristig prägen?
Die wichtigsten strukturellen Faktoren sind in erster Linie der massive Einzug erneuerbarer Energien, insbesondere der Photovoltaik und der Windenergie, die die Marktentwicklung und die Preiskurve grundlegend verändern.
Zweitens wird das Wachstum der Stromnachfrage eine entscheidende Rolle spielen, angetrieben durch die Elektrifizierung der Wirtschaft und neue Verbrauchsbereiche wie Rechenzentren oder die Wasserstoffproduktion.
Hinzu kommt der Ausbau der Energiespeicher, die für die Bewältigung der Schwankungen bei erneuerbaren Energien von entscheidender Bedeutung sind. Ebenso wird der Ausbau der Stromnetze, sowohl der Übertragungs- als auch der Verteilungsnetze, entscheidend sein, da diese derzeit einen der größten Engpässe darstellen, sowohl für Projekte im Bereich erneuerbarer Energieanlagen und Speichersysteme mit Batterien als auch für neue Netzanschlüsse zur Deckung des Energiebedarfs.
Auch der Ausbau der internationalen Verbindungsleitungen wird dazu beitragen, die Marktintegration zu verbessern, Preisunterschiede auszugleichen und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. All dies geschieht vor dem Hintergrund, dass regulatorische Änderungen, darunter Kapazitätsmärkte und Flexibilitätsmechanismen, von entscheidender Bedeutung sein werden, um stabilere Investitionssignale zu setzen.
Das Wachstum der erneuerbaren Energien führt zu Phänomenen wie Preiskannibalisierung, Netzabwurf sowie Null- oder Negativpreisen. Inwieweit wird die Kombination mit Batterien entscheidend sein, um diese Herausforderungen zu bewältigen?
Die Hybridisierung mit Batterien wird entscheidend sein, doch die Lösung geht noch weiter: Die Speicherung im Allgemeinen wird zu einem strukturellen Bestandteil des Systems werden. Dazu gehören nicht nur Batterien, sondern auch Pumpspeicher und andere Speichertechnologien sowie ein flexibleres Nachfragemanagement.
In einem Umfeld mit hohem Anteil erneuerbarer Energien, insbesondere aus der Photovoltaik, konzentriert sich die Stromerzeugung auf bestimmte Stunden, was zu Preiskannibalisierung, Netzabwurf und Phasen mit Null- oder Negativpreisen führt. Durch Speicherung kann diese Energie auf Zeiten mit höherem Wert verlagert werden, wodurch diese Effekte gemildert werden.
Darüber hinaus wird ein aktives Nachfragemanagement es ermöglichen, den Verbrauch an die Verfügbarkeit erneuerbarer Energie anzupassen, was ebenfalls zum Ausgleich des Systems beiträgt. In diesem neuen Kontext werden sowohl die Speicherung als auch die Nachfrageflexibilität nicht mehr nur ergänzende Elemente sein, sondern zu tragenden Säulen des Stromnetzes werden.
Die Rentabilität von Speichersystemen hängt in hohem Maße von ihrer Fähigkeit ab, verschiedene Einnahmequellen zu erschließen. Welche Mechanismen halten Sie für die vielversprechendsten, um Flexibilität sowohl bei Batterien als auch im Nachfragemanagement zu monetarisieren?
Der Schlüssel liegt in der Kombination mehrerer Einnahmequellen. Die Arbitrage auf den Tages- und Intraday-Märkten wird langfristig weiterhin die Grundlage des Revenue Stacks bilden, auch wenn sie allein meist nicht ausreicht.
Hinzu kommen Regel- und Ausgleichsdienste, die in Systemen mit hohem Anteil an erneuerbaren Energien zunehmend an Bedeutung gewinnen. Parallel dazu werden Kapazitätsmärkte und Mechanismen zur Nachfragesteuerung eine immer wichtigere Rolle spielen müssen.
Zudem entstehen neue Vertragsmodelle wie Flexibility Purchase Agreements (FPA) und Tolling-Vereinbarungen für Batterien, die langfristige Umsatzsicherheit bieten und die Projektfinanzierung erleichtern können, indem sie das Marktrisiko verringern.
Andererseits wird die Bündelung von Anlagen und Nachfrage es ermöglichen, zusätzlichen Wert zu generieren, die Teilnahme an verschiedenen Märkten zu erleichtern und die Nutzung der verfügbaren Flexibilität zu optimieren. Letztendlich wird das Geschäftsmodell der Speicherung immer komplexer werden und auf der gemeinsamen Optimierung mehrerer Märkte, Dienstleistungen und Vertragsstrukturen basieren.
In diesem Zusammenhang stellt die Unsicherheit hinsichtlich künftiger Einnahmen nach wie vor eine der größten Herausforderungen bei der Finanzierung von Speicherprojekten dar. Welche Rolle spielen Preisprognosen und Markt-Spread-Prognosen bei der Risikominderung und bei Investitionsentscheidungen?
Prognosen sind ein zentraler Faktor für die Finanzierbarkeit von Projekten. Dabei geht es nicht nur darum, einen Durchschnittspreis zu schätzen, sondern auch darum, die zeitliche Struktur des Marktes, die Entwicklung der Spreads und das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Märkten und Dienstleistungen zu verstehen.
Im Bereich der Energiespeicherung hängen die Einnahmen genau von diesen Spreads und deren Dauer ab, weshalb die Qualität der Prognosen von entscheidender Bedeutung ist. Modelle, die fundamentale Variablen (Erzeugungsmix, Nachfrage, Brennstoffe, CO2, installierte Kapazität) mit Techniken der künstlichen Intelligenz und probabilistischer Analyse kombinieren, ermöglichen es, die Unsicherheit deutlich zu reduzieren und zu quantifizieren – ein notwendiger Aspekt bei der Risikoeinschätzung einer Investition oder Finanzierung.
Die Verwendung von Szenarien und Wahrscheinlichkeitsbändern wie P10 und P90 ist für die Risikobewertung und die Erleichterung der Finanzierung unverzichtbar, da sie es Investoren und Banken ermöglicht, Entscheidungen auf der Grundlage eines umfassenderen Überblicks über die Bandbreite möglicher Ergebnisse und deren Wahrscheinlichkeiten zu treffen.
Es wird viel über den Anstieg des Strombedarfs im Zusammenhang mit Rechenzentren, der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz gesprochen. Kann dieser neue Verbrauch in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten Triebkräfte des Stromnetzes werden?
Ja, ganz klar. Rechenzentren und die Digitalisierung stellen eine neue strukturelle Nachfrage mit ganz spezifischen Merkmalen dar: Sie sind verbrauchsintensiv, kontinuierlich und lassen sich in vielen Fällen durch Lieferverträge langfristig planen.
Diese Art der Nachfrage kann zu einem zentralen Faktor für die Aufnahme der steigenden Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien werden, insbesondere in Zeiten mit traditionell geringem Bedarf. Zudem sorgt sie für stabilere Investitionssignale im System.
In einigen Ländern sind die Auswirkungen bereits sehr deutlich zu spüren, und alles deutet darauf hin, dass sie in den kommenden Jahren weiter zunehmen werden, angetrieben durch die Verbreitung künstlicher Intelligenz und digitaler Dienste. Dies kann zu einem Ausgleich im System beitragen, wird aber auch – wie bereits jetzt – erhebliche Herausforderungen in Bezug auf Netzwerke und Infrastruktur mit sich bringen.
Welche Rolle kann der industrielle Eigenverbrauch mit Speicherung als Instrument zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen spielen?
Der industrielle Eigenverbrauch mit Speicherung kann ein strategisches Instrument zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit sein. Er ermöglicht es, die Abhängigkeit von Schwankungen auf dem Strommarkt zu verringern, die Energiekosten zu optimieren und die Planbarkeit zu verbessern.
Durch die Speicherung lässt sich Energie flexibler verwalten, indem der Verbrauch an die Preissignale angepasst wird und man sogar an Flexibilitätsdiensten teilnehmen kann.
Angesichts schwankender Preise und einer zunehmenden Elektrifizierung werden Unternehmen, die Eigenverbrauchs- und Speicherlösungen integrieren, einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber solchen haben, die ausschließlich vom Markt abhängig sind.
Die Stromnetze entwickeln sich zu einem der größten Engpässe der Energiewende. Wie sehen Sie die aktuelle Lage der Netze und die Rolle der internationalen Verbindungsleitungen?
Die Netze sind derzeit wahrscheinlich einer der größten limitierenden Faktoren. Die Netzzugangs- und Anschlusskapazitäten bestimmen in vielen Ländern, darunter auch Spanien, die Entwicklung neuer Projekte im Bereich erneuerbare Energien und Speicherung.
Es ist notwendig, die Investitionen sowohl in die Übertragungs- als auch in die Verteilungsnetze deutlich zu beschleunigen und die damit verbundenen Verwaltungsprozesse zu verbessern. Darüber hinaus wird die Entwicklung von Lösungen wie dem flexiblen Netzzugang oder der Digitalisierung der Netze unerlässlich sein, um die Nutzung der bestehenden Infrastruktur zu maximieren.
Andererseits sind internationale Verbindungsleitungen von entscheidender Bedeutung, um die Effizienz des Systems zu verbessern, Preisunterschiede zwischen den Märkten zu verringern und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Europa hat in diesem Bereich noch Verbesserungspotenzial, insbesondere angesichts großer Energieinseln wie der Iberischen Halbinsel, und deren Ausbau wird in den kommenden Jahren Priorität haben.
AleaSoft entwickelt seit über 27 Jahren Prognosemodelle, die künstliche Intelligenz, klassische Statistik und fundamentale Modelle miteinander verbinden. Wodurch unterscheidet sich dieser Ansatz von anderen Modellen auf dem Markt und welche Vorteile bietet er in einem zunehmend komplexen Umfeld?
Der wesentliche Unterschied liegt im hybriden Ansatz. Es geht nicht darum, sich zwischen fundamentalen Modellen und statistischen Modellen zu entscheiden, sondern darum, diese auf kohärente Weise zu integrieren.
Grundlegende Modelle ermöglichen es, die Struktur des Stromnetzes (Angebot, Nachfrage, Kapazität, Regelung) abzubilden, während künstliche Intelligenz und Statistik dazu dienen, komplexe Muster und zeitliche Dynamiken zu erfassen. Durch die Kombination beider Ansätze lassen sich strukturelle Veränderungen vorhersagen, die mit rein statistischen Modellen nicht erkennbar sind.
Dies führt zu robusteren und konsistenteren Prognosen, insbesondere auf lange Sicht – bis zu 30 oder 40 Jahren –, was für Investitionsentscheidungen unerlässlich ist. Darüber hinaus ermöglicht der Einsatz probabilistischer Modelle eine explizite Einbeziehung des Risikos, was in einem Umfeld hoher Unsicherheit von grundlegender Bedeutung ist.
Für diejenigen, die AleaSoft noch nicht kennen: Wie würdet ihr eure Tätigkeit beschreiben und welche Dienstleistungen bietet ihr im Energiesektor an?
Wir bei AleaSoft sind in erster Linie auf Energiemärkte spezialisierte Berater, deren klarer Schwerpunkt darauf liegt, einen Mehrwert bei strategischen und investitionsbezogenen Entscheidungen zu schaffen.
Unsere Tätigkeit gliedert sich in vier große Bereiche. Zunächst erstellen wir kurz-, mittel- und langfristige Prognosen für die Energiemärkte in ganz Europa, die als Grundlage für Entscheidungen in einem zunehmend komplexen Umfeld dienen.
Zweitens erstellen wir Ertragsanalysen für Speicherprojekte, sowohl für eigenständige Batteriesysteme als auch für Hybridanlagen mit erneuerbaren Energien, wobei wir deren wirtschaftliche Rentabilität und deren Marktverhalten in den verschiedenen Märkten bewerten.
Drittens bieten wir Beratung im Bereich der Strommärkte an und unterstützen verschiedene Akteure – von Energieversorgern über Stromhändler und Fonds bis hin zu Großverbrauchern – dabei, die Funktionsweise des Marktes zu verstehen und ihre Strategie zu optimieren.
Und schließlich beteiligen wir uns aktiv an der Finanzierung von Projekten im Bereich erneuerbare Energien, indem wir Preiskurven und Analysen bereitstellen, die es ermöglichen, bankfähige Transaktionen zu strukturieren und das Risiko für Investoren und Finanzinstitute zu verringern.
Insgesamt ist unser Ziel klar: Wir wollen in einer Branche, die einen tiefgreifenden Wandel durchläuft, für Präzision, Kohärenz und Weitsicht sorgen.
Quelle: AleaSoft Energy Forecasting.
